Sehnsucht

"Nichts verkörpert die Sehnsucht nach einer heilen Familie mehr als Weihnachten.“

Nichts verkörpert die Sehnsucht nach einer heilen Familie mehr als Weihnachten.

Vater und Mutter, die es unter schwierigsten Umständen und Entbehrungen geschafft haben, einen Ort zum Gebären zu finden und nun, in Liebe vereint auf ihr Kind blicken, dessen Bettchen eine Krippe im Stall ist. Dieses Bild, das wir alle kennen, spricht unsere tiefsten Sehnsüchte an, allen voran unseren Wunsch dazuzugehören. Maria gehört zu Josef wie Josef in dieser Situation zu Maria gehört. Ihre Beziehung ist loyal, sie bietet Schutz, und sie vereint die Liebe für das ungeborene wie das neugeborene Kind, durch das sie so verbunden sind, wie nur Eltern miteinander verbunden sein können.

Ein Sehnsuchtsbild, das in den Tiefen unserer Seele verankert ist, über Generationen Bestand hat und weitergegeben wird. Ein Bild, das noch heute zur Weihnachtszeit in Form einer Weihnachtskrippe in vielen Haushalten seinen Platz hat und unsere Vorstellungen davon nachhaltig prägt, was es bedeutet, miteinander gute Eltern zu sein.

Ich habe gelernt, aufzuhorchen, sobald sich in meinem Kopf, in meinen Gedanken, das Wort „sollte“ zusammenbraut. Eine Mutter sollte – ein Vater sollte – eine Familie sollte…

Denn dann bin ich wieder unterwegs im Land meiner Erwartungen und Sehnsüchte. Daneben kann die Wirklichkeit kaum mehr bestehen. Der Tannenbaum, der mir mit seiner ganzen Pracht und seinem Lichterschein das Hirn vernebelt, hängt voller blinkender Solltes.

Dann versuche ich den Realitätscheck.

GeschenkPetrol Kopie

Ich versuche mich zu erinnern, wie es denn die letzten Male bei uns war.

Das erste, was mir dazu einfällt,  ist das Wort „Stress“ und kurz darauf schon  meine Enttäuschung, meine Resignation darüber, dass dieser ganze Vorweihnachtswahnsinn doch wieder an mir hängen bleiben würde.

Stress, die Geschenke zusammen zu bekommen, Stress, angesichts der Kinderwünsche angemessene finanzielle Kompromisse zu finden, Geschenke für Eltern, Schwiegereltern, Paten und Patenkinder, Stress, genügend Lebensmittel einzukaufen, so dass wir damit gut über die Feiertage kommen würden, Stress, die Wohnung weihnachtsfein zu bekommen, Adventsstimmung zu zaubern, zu backen, Weihnachtskarten zu verschicken, Weihnachtsfeiern zu absolvieren, beim Arbeitgeber den gewünschten Urlaub durchzusetzen, Stress, die Erwartungen der Großeltern zu erfüllen und den Frust aushalten, sich mit alldem doch sehr allein gelassen zu fühlen.

Nüchtern betrachtet ist das ein enormer Einsatz und großer Aufwand für die Hoffnung auf einen Moment im Lichterglanz der Harmonie. Und bei all dem ist kein Josef in Sicht, der mich geplagte Maria unter seine Flügel nimmt, an dessen starke Schulter ich mich anlehnen, mit dem im Rücken ich milde und liebevoll auf unsere Kinder schauen und mir sagen kann, dass unsere Jesukinder  Entschädigung genug sind für all unsere Mühen…und keine Frau Sommer, die uns lächelnd auf einen duftenden Kaffee einlädt*.

Stattdessen hatte Markus eigentlich jedes Jahr noch Jahresendstress in seiner Firma. Urlaub bekam er erst am 23., und es kam nicht selten vor, dass er selbst an Heiligabend noch mal rasch ins Büro musste.

Doch wenn er dann mit den Kindern losgezogen ist, um einen Tannenbaum zu kaufen, war dies der Moment, der in meinem Hirn sofort und promptens lieblichsten Glockenklang hervorrief. Da stapfte er davon, mein mich auf der Stelle selig machender Josef!

Genau genommen viel Aufwand für so einen winzigen Glücksmoment.

Und doch sind es genau diese kurzen Momente, in denen meine Sehnsüchte Wirklichkeit wurden. Es sind diese Momente, diese selbstverständlichen, alltäglichen kurzen Momente, die ich so schmerzhaft vermisse, dass sie noch heute für einen Augenblick alles andere überlagern.

Inzwischen weiß ich, dass dieser durchdringende Schmerz nicht lange anhält, weil das, was ich dafür in Kauf nehmen müsste, so schal und bitter ist, dass ich das nicht wiederhaben will.

Wir haben uns darauf verständigt, dass Markus die Kinder immer noch abholt, um mit ihnen den Weihnachtsbaum zu kaufen. Dann ruft er an, sobald sein Auto, auf dessen Rückbank die Pudelmütze von Raphael Maria Emanuel (!) auf und ab wippt, vor der Tür hält.

Immerhin brauche ich dann nicht zu kochen, denn sie fahren in den Wald, wo der Papa-Held  die Bäume eigenhändig schlägt, und anschließend essen sie am Stand dort ein Würstchen und trinken Kinderpunsch.

Es gelingt mir immer besser, mich über diesen freien Nachmittag vor Weinachten zu freuen.

Mein Nachbar Sven steht bei ihrer Rückkehr bereit, um den Baum auf der Terrasse aufzustellen. Wir brauchen ihn dann am Vorweihnachtstag nur noch hereinzuholen.

*für die jüngeren Leser*innen: eine Anspielung auf den vorweihnachtlichen Werbespot eines Kaffeeherstellers.“

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