Wunschzettel sind keine Kriegezettel

„Papa-Wunschzettel"

Trennungsvater Paul:

 „Marie hat mich wegen eines anderen verlassen. Unsere Kinder sind inzwischen 7 und 10. Sie leben bei ihr, sind jedoch jedes zweite Wochenende, zwei Wochen in den Ferien und an den Feiertagen wie Weihnachten abwechselnd bei ihr oder bei mir.

Das mit den Geschenken ist so eine Sache. Darum hat sich früher eigentlich immer Marie gekümmert. Ich hätte es wohl auch nur falsch machen können, denn es mussten immer Dinge mit pädagogischem Anspruch sein. Das hat ihr viel Spaß gemacht. Ich habe mich manchmal gefragt, wie sich jemand so lange mit diesen Dingen beschäftigen kann. Generalstabsmäßig hat sie nicht nur geplant, was wir den Kindern schenken wollten, sondern auch Großeltern, Paten, Tanten und Onkel mit Listen und Bestelladressen versorgt, damit dann Heiligabend der Kaufladen oder der Lego-Flugplatz komplett sein würden.

Kein Wunder also, dass die Kinder nach unserer Trennung prompt mit einem Wunschzettel zu mir kamen. Ich erinnere mich, dass mein Sohn, damals war er noch im Kindergarten, mir seinen Wunschzettel überreichte und sagte: „Ich hab das zwar nicht dahin gemalt, aber eigentlich wünsche ich mir ein Handy.“ Das war natürlich keck von einem Dreikäsehoch, der noch nicht mal  telefonieren konnte – ein hübscher Versuch… Dennoch machte das für mich klar, wie stark Marie die Gestaltung seines Wunschzettels beeinflusste. Und das ärgerte mich. Ich wollte nicht, dass ihre mütterlichen Krakenarme bis in meine gemeinsame Zeit mit den beiden hineinreichte! 

Ihre verdammten „Wunschzettel“  konnten mich mal!

Ich war wütend, wenn da Ergänzungssets zu irgendwelchen Spielen und Bausätzen „gewünscht“ wurden – natürlich die teuersten – die dann die heimischen Kinderzimmer komplettieren sollten.

Bei mir hatten die Kinder natürlich auch ein Zimmer, aber in den Regalen dort herrschte zu Beginn noch gähnende Leere. Ich musste erst mal wieder dafür sorgen, dass sich Legokisten füllten, Bücher ins Regal kamen. Anfangs brachten die Kinder Spielzeug und Spiele mit, an denen ich mich dann bei meinen Anschaffungen orientierte.

Schließlich hat es sich so ergeben, dass Lucy, meine Tochter, irgendwann einen Spielzeugkatalog aus dem Briefkasten gefischt hat und gemeinsam mit Lenni, meinem Sohn, Dinge auszuschneiden begann, die ihnen gefielen. Daraus ist dann der heutige „Papa-Wunschzettel“ entstanden. Ein Ritual, für das ich ab November  Werbepost von Spielzeugläden – und inzwischen auch von Elektronikläden oder Büchermagazinen – sammle.

Und die Sachen bleiben dann bei mir. Darauf bestehe ich. Ich sehe es einfach nicht ein, dass die in ihren Kinderzimmern bei Marie versickern. Anfangs fanden die beiden das gar nicht gut, aber inzwischen ist das akzeptiert. Ist doch toll, wenn das ein zusätzlicher Anreiz ist, mich zu besuchen.“

Das erste Mal war Marie sauer. Ich weiß noch, dass sie mich angerufen hat und mich als unfair beschimpfte. Das muss sie gerade sagen…!“

 

*

erwachsenes KindTrennungskind David (17):

„Meine Mutter ist Erzieherin. Dementsprechend pädagogisch wertvoll waren auch meine Spielsachen als Kind. Was habe ich andere Kinder beneidet, die  Spielzeugknarren und jede Menge Blinkekram besaßen! Als sich meine Eltern trennten, da war diesbezüglich endlich meine große Stunde gekommen. Ich nervte und quengelte bei meinem Vater jedes Mal so lange, bis wir uns auf den Weg in den Spielzeugladen machten, wo ich dann stolz meine röhrenden, qietschenden, glitzernden und mit verzerrter Stimme sprechenden Trophäen einsammelte.

Und das erste Weihnachten nach seinem Auszug  war da natürlich mein absolutes Highlight! Schade nur, dass ich die Sachen nicht mit nach hause nehmen konnte! Einmal habe ich so eine Starwars-Figur, die grimmige Laute machen konnte, in meinem Ranzen mit geschmuggelt. Das gab dann richtig Stress, als meine Mom die dort entdeckte!

Ich glaube, sie hat sogar meinen Vater angerufen.

Ich hatte ein superschlechtes Gewissen. Mir ging es gar nicht gut in dieser Zeit. Vielleicht hat meine Mutter das gemerkt, denn ich kann mich noch an meine Erleichterung erinnern, als sie mir dann ein paar Tage später  ein grünes Marsmännchen mitbrachte, das schrille Geräusche machte und dessen Augen gefährlich blinkten, wenn man auf einen Knopf auf seinem Rücken drückte. Sie schob es mir über den Tisch zu und sagte zwinkernd: „Mehr gibt’s nicht. Dafür hast du ja Papa!“ Es war, als würde eine Wand eingerissen, so erleichtert war ich! Ich freute mich wie Bolle – auch wenn sie mit diesem Männchen einen Hauch daneben gegriffen hatte.

Es war die Botschaft, die dahinter stand. Sie hatte das Kriegsbeil begraben – und ich konnte wieder atmen. Sie ist manchmal richtig klasse, meine Ma!

Verrückt ist rückblickend, dass meine Begeisterung für diesen Kram nicht lange anhielt. Das lag zum einen daran, dass diese Sachen nicht viel aushielten. Sie waren schnell kaputt, und ein Darth Vader ohne Arme, Beine und Geräusche… na, ja, das war dann nicht so toll.

Geblieben ist bis heute, dass wir andere Sachen mit meinem Vater machen. Viel Sport z.B., aber natürlich zocken wir auch mal einen ganzen Abend mit der Playstation. Etwas, bei dem meine Ma Krämpfe kriegen würde, würde sie das in voller Länge mitbekommen. Aber ich habe kein schlechtes Gewissen mehr. Bei meinem Dad ist das eben so und bei ihr ist es anders – und das ist ok so.

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