Adventszeit ist Erwartungszeit

"Warten ist ein Unlust-Zustand, Warten frustriert.“

Normalerweise mögen wir es nicht, wenn wir warten müssen. Warten ist ein Unlust-Zustand, Warten frustriert. Die Adventszeit wäre nichts anderes, wenn es nicht seit Menschengedenken gelänge, dieses Warten durch Rituale in ein freudiges Erwarten zu verwandeln. Adventskalender, Adventskerzen, die Sonntag für Sonntag entzündet werden, Weihnachtskekse backen, Wunschzettel schreiben, Weihnachtslieder singen. All das hilft Kindern seit Generationen dabei, einmal im Jahr gemeinsam mit den Menschen in ihrer Umgebung auf ein Ereignis zu warten und Spannung auszuhalten. All diese Rituale ermöglichen – psychologisch betrachtet- die Verwandlung des frustrierenden Wartens in lustvolle Vorfreude. Eine für die gesunde kindliche Entwicklung Erfahrung von unschätzbarem Wert. 

Dabei hilft Kindern die Vorstellung von einem Weihnachtsmann oder einem Christkind. Ohne sie, rein auf die christliche Botschaft reduziert, wäre Weihnachten für Kinder nicht begreiflich. Aber unter einem Weihnachtsmann mit magischen Kräften, einem bärtigen Mann mit gutmütigem Gesicht, der mit seinem Rentierschlitten durch die Luft fliegt und den Kindern Geschenke bringt, den Z.B. können sich Kinder vorstellen. So können sie sich einreihen in die Gemeinschaft, die sich alle Jahre wieder im Er-Warten übt. Je kleiner Kinder sind, umso weniger stellen sie ein solches Bild infrage, denn in der kindlichen Welt des magischen Denkens ist noch vieles möglich.

Irgendwann beginnt diese Selbstverständlichkeit zu bröckeln. Verunsichert erzählen Kinder von älteren, die im Kindergarten oder in der Schule behauptet haben, es gäbe ihn nicht, den Weihnachtsmann – oder sie werden zornig, wenn ältere Geschwister sie auslachen: „Haha … der glaubt noch an den Weihnachtsmann…!“ Sie fragen ihre Eltern eindringlich: „Stimmt das Mama? Stimmt das Papa?“.  Intuitiv reagieren viele Eltern dann so, dass sie das Kind beruhigen und ihm sinngemäß antworten: „Ich bin mir ganz sicher, dass du das selbst herausfinden wirst.“ Aus psychologischer Sicht ist das eine wunderbare Antwort, denn sie ermöglicht dem Kind, sich genauso lange dieses Bildes zu bedienen wie es für sein eigenes Entwicklungstempo richtig ist. Viele Jugendliche beschreiben den Moment, in dem diese Illusion für sie zerplatzte, als das Ende ihrer Kindheit, und die meisten können sich noch gut daran erinnern.

Für Trennungskinder gilt auch hier, dass ihre Eltern diese „Erwartungszeit“, die Adventszeit ganz unterschiedlich gestalten. Doch ändert das nichts an ihrer wichtigsten, keineswegs selbstverständlichen Erfahrung, Vorfreude zu erleben und das Vertrauen darauf, dass die Zukunft etwas Schönes für sie bereithält.

 

Olli, Trennungskind: 

Oft fuhren wir auch an diesen Wochenenden zu meinen Großeltern. Da war es dann ähnlich wie bei meiner Mutter zuhause. Ein dicker Adventskranz, feierlich entzündete Kerzen, und als Höhepunkt das gemeinsame Herstellen eines Lebkuchenhäuschens, das dann bis Weihnachten bei Papa blieb. Er selbst kaufte manchmal Kekse oder einen Stollen, die wir dann gemütlich auf dem Sofa direkt aus der Packung möppelten, während wir Fifa spielten oder „Kevin allein Zuhause“ ansahen.

Verpflichtend war an jedem „Papa-Wochenende“ der Besuch des Weihnachtsmarktes, wohl auch, weil es dort dann Puffer oder Bratwurst gab, was ihm das Kochen ersparte.“

Bemerkungen der Kinder, was sie an den Wochenenden bei Markus erlebt oder – noch schlimmer! – cool gefunden hatten, lösten innere Abstürze ins Bodenlose aus.

Den größten Schmerz fügte mir jedoch die Tatsache zu, dass sie dort eine vollständige, neue Familie vorfanden. Eine, die wir auch mal waren. Vater-Mutter-Kinder… und nun auch noch das neue Geschwisterkind. Mein Gott, wenn ich daran zurückdenke, dann bin ich fassungslos darüber, wie sehr mein Selbstbewusstsein in seinen Grundfesten erschüttert war. Ich fühlte mich wertlos, gescheitert und ausrangiert. Maya und Jakob sollten mir mein ramponiertes Selbstvertrauen zurückgeben. Manchmal lechzte ich geradezu danach, dass sie sagen sollten: „Ach Mama, bei Dir ist es viel schöner als bei Papa!“ Gut, dass ich das für mich behalten konnte, weil ich einen Ort gefunden hatte, wo ich das aussprechen und mir anschauen konnte.

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