Weihnachten ist Urlaub mit Lametta

"Allein zu sein am Heiligen Abend bedeutet Einsamkeit.“

"Väter scheinen vieles einfach so leben zu können, wozu viele Mütter erst mal eine jahrelange Therapie brauchen“, witzelte meine Freundin als wir über mein achtes Kapitel, „Vive la différence“, sprachen. Was sie meint, ist, dass es Vätern gelingt, ihre persönlichen Bedürfnisse und Grenzen in ihre Beziehung zu ihren Kindern einzubringen, ohne ihr Verhalten jedes Mal einer gründlichen pädagogischen Inspektion zu unterziehen. Sie scheinen mehr sie selbst und weniger im Kümmermodus zu sein. Dafür sprechen auch Berichte von Müttern, dass bei einem spannenden Fußballspiel die üblichen Zu-Bett-Geh-Zeiten für Väter offenbar keine Rolle spielen und mit dem Hinweis abgetan werden, „Ach, lass sie doch, ist doch gerade so spannend!“ - oder darüber, dass Väter mit ihren Kindern ohne angemessene Kleidung nach draußen laufen,  etwa, weil es zu schneien begonnen hat und sie eine Schneeballschlacht anzetteln.

Vielen Vätern scheint es gegeben zu sein, im Augenblick zu leben. Das ist für viele Mütter tatsächlich etwas, das sie sich hart erarbeiten müssen. Häufig fangen sie damit erst an, wenn die Kinder selbstständiger werden und sie, dann  auf sich selbst zurückgeworfen,  merken, dass sie sich in ihrem Kümmern verloren haben. So scheinen Väter auch Weihnachten weniger gefühlsbetont und rückwärtsgewandt zu betrachten. Ihnen scheint es leichter zu fallen, die Dinge zu nehmen, wie sie nun mal sind, und sie machen – wie sonst auch, eher Dinge, an denen sie selbst Spaß haben.

Bei denen, die gern kochen, ist Weihnachten ein willkommener Anlass, etwas Tolles auf den Tisch zu bringen, für die naturverbundenen Abenteurer ist es ein schönes Vorhaben, mit den Kindern in der Schonung einen geeigneten Baum auszusuchen und zu schlagen. „… für Jörg war Weihnachten einfach nur Urlaub mit Lametta“ brachte es eine Mutter auf den Punkt. Urlaub jedoch, an dem man einfach nichts unternehmen kann, weil Geschäfte, Freizeitparks und Sporthallen geschlossen sind.

Am Heiligen Abend kann man nicht mal essen gehen. In einem sind sich deshalb alle einig: Allein zu sein am Heiligen Abend bedeutet Einsamkeit. Alle anderen hocken in ihren Familien, das einzige, was sicher bleibt, ist Fernsehen, Netflix und die Playstation. „Intakte Familien bändigen die vor ihnen liegende freie Zeit durch Rituale.“ sagt, mein Mann, „Kirchgang, Bescherung, gemeinsames Essen, Besuche der Großeltern …“. Oder sie verreisen. Da ist es nur verständlich, dass beide, Mütter wie Väter, sich nichts mehr wünschen, als diesen Tag mit den Kindern gemeinsam zu verbringen.
Alles andere ist zweitklassig.

Ich war so wütend auf Markus und so unendlich froh, dass er am ersten Weihnachten nach unserer Trennung so mit der bevorstehenden Geburt seines neuen Kindes beschäftigt war, dass  ich mich Gott sei Dank nicht mit ihm darüber auseinandersetzen musste, wie wir die Feiertage zwischen uns aufteilen würden.

Ich glaube, ich wäre gestorben, wenn ich die Zeit allein unter‘m Tannenbaum hätte verbringen müssen! Erst der Mann weg, die Familie kaputt, die Lebensperspektive geplatzt und dann auch noch die Kinder weg! Heiligabend wäre mir wie ein ganzes Leben erschienen und nicht wie ein Tag, der genau wie alle anderen auch, 24 Stunden hat.

Heute weiß ich, dass dies meine Sicht ist. Meine kleine, egozentrische Sicht voller Traurigkeit, Verzweiflung und Selbstmitleid – oder wie Frau S. es nennt „die Erwachsenensicht“.

Angestoßen durch unsere Gespräche habe ich mir Markus und auch andere Väter so angeschaut wie Forscher ein Insekt oder ein Wesen von einem anderen Stern. Das war sehr aufschlussreich, denn ich habe erkannt, dass Mütter und Väter offenbar an Weihnachten anders ticken.

Nicht besser oder schlechter, sondern anders.

Maya und Jakob lieben und brauchen uns beide, auch, wenn ich mir insgeheim oft gewünscht habe, das wäre anders, weil  das mein Leben so kompliziert macht.

Mir ist klargeworden, dass es mein Wunsch ist, an Weihnachten nicht allein und ohne die Kinder zu sein. Das war keine Erkenntnis, die sich schön und gut anfühlte – überhaupt nicht!

Ich habe mich lange gegen diese Einsicht gewehrt und auf Markus geschimpft. Er war es doch, der gegangen ist, und nun sollte ich auch noch Weihnachten auf die Kinder verzichten? Kam gar nicht infrage, dass ich dem Sonntagspapa, der sich ohnehin immer die Rosinen rauspickte, nun auch noch Weihnachten überlassen sollte. So fing es an in mir zu rumoren, sobald im Herbst das erste Weihnachtsgebäck in den Läden angeboten wurde.

Irgendwann ist mir dann jedoch klargeworden, wie furchtbar und schädlich es für die Kinder wäre, wenn sie das Gefühl bekämen, mich zu verraten, wenn sie zu Markus gingen.

Mit Blick auf den Heiligen Abend hat es mir sehr geholfen, diesen Tag als einen Tag mit 24 Stunden zu sehen, einen Tag, der vorbeigeht – mit Gefühlen, Erinnerungen, die vorbeigehen.

Es hat mir aber auch sehr geholfen, dass es ein Prozess war, bis es dann tatsächlich so weit war, dass ich meinen ersten Heiligabend ohne die Kinder verbringen musste. Zunächst war das neue Kind ja noch klein, so dass sie dort die Bescherung schon am Nachmittag machten, und so bot es sich an, dass die Kinder dann nachmittags bei Markus waren und am Abend wieder bei mir.

Inzwischen wechseln wir uns an Heiligabend ab. In einem Jahr sind die Kinder bei mir, im nächsten bei Markus. Am ersten Weihnachtstag besuchen wir drei meine Eltern, das haben wir immer schon so gemacht, und am zweiten gehen sie, genau wie wir es früher zusammen gemacht haben, mit Markus zu seinen Eltern.

Im letzten Jahr waren die Kinder bei mir, und da gab es einen ganz kurzen Moment, wo wir alle drei traurig darüber waren, dass es unsere alte Familie nicht mehr gibt. Da war dieses Gefühl, ich kann es kaum beschreiben… das war einfach da, kam aus jedem von uns und floss zu einem eigenartig bewegenden Moment zusammen. Natürlich war es Jakob, der es aussprach: „Es ist ganz schön traurig, dass Papa nun nicht hier ist.“  Jeder war bei sich, und doch waren wir vereint. Es war so, weil es so ist und so sein darf, weil wir alle drei damit umgehen müssen.

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