Was hat die Zeit mit uns gemacht…?

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Should I stay or should I go

Im nächsten Jahr können wir unsere silberne Hochzeit feiern. Unsere drei Kinder sind aus dem Haus, der Älteste hat einen guten Job, die Kleinste ist bald mit ihrem Studium fertig.

Mein Mann hat viel gearbeitet, war beruflich oft unterwegs. Uns geht´s gut. Haus und Rente sind gesichert, unser Lebensstandard komfortabel.

Während der Familienzeit haben wir uns als Paar aus den Augen verloren. Zu zweit haben wir eigentlich nichts mehr unternommen. Wir haben einen großen Freundeskreis, so dass wir an den freien Tagen immer etwas vorhaben. Was uns völlig abhanden gekommen ist, ist jede Form von Intimität. Wir gehen nicht zärtlich miteinander um, haben seit Jahren getrennte Schlafzimmer – und über diese innere Entfernung ist der Umgangston über die Jahre beinahe bitter geworden.

Immer, wenn ich in der Stadt, beim Spaziergang oder im Urlaub verliebte Paare sehe, die sich umarmen, anschauen, zärtliche Gesten tauschen, dann zieht sich alles in meinem Innern schmerzhaft zusammen. Bei einem Spaziergang vor ein paar Monaten habe ich völlig unkontrolliert zu weinen angefangen, als mir ein solches Paar entgegen kam.

Manchmal möchte ich alles hinschmeißen, denke, dass ich allein besser dran bin als in dieser Partnerschaft voller Enttäuschungen und Unzufriedenheit. Als ich mit einer Freundin darüber sprach, empfahl die mir, ich sollte doch mal eine Liste machen, auf der ich alles, was dafür und was dagegen spricht, gegeneinander stelle. Wenn ich mir diese beiden Spalten ansehe, dann könnte ich das, was für das Weitermachen spricht mit dem Begriff der „Sicherheit“ zusammenfassen. Wofür die andere Seite steht…tja…vielleicht „Selbstfindung“? … „Echtheit“? „Freiheit“… „Wahrhaftigkeit“?

Es fällt mir schwer, mich mit diesem Bedürfnis selbst ernst zu nehmen. Schon, wenn ich diese Begriffe in den Mund nehme, dann macht sich ein Teil von mir darüber lustig. „Nimm dich mal nicht so wichtig!“, ist ein Satz, der mir dann sofort in den Ohren klingelt. Begriffe wie „egozentrische Nabelschau“, „ um sich selber kreisen“ oder „klimakterische Sinnsuche“ fallen mir dazu ein. Dann schäme ich mich fast.

Und obwohl sich mein Regal unter der Last von Ratgebern und Sinnsprüchen biegt, habe ich das Gefühl, auf der Stelle zu treten.

Als ich mich an Weihnachten darüber beklagte, dass die Besuche der Kinder so selten geworden seien, hat ausgerechnet unsere Jüngste wie aus heiterem Himmel auf den Tisch gehauen und sehr heftig reagiert. „Guckt Euch doch mal an!“, rief sie erregt. Kaum, dass man hier über die Schwelle tritt, steigt eine klamme Kälte in einem auf. Es ist, als ob man eine Grabkammer betritt, sobald man mit Papa und dir in einem Raum ist!“

Kaum, dass die Kinder abgereist waren, habe ich eine Beratungsstelle ausfindig gemacht, und zu meiner großen Überraschung hat mein Mann mit mürrischen Worten, „naja, angucken können wir das ja mal…“, eingewilligt.

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