PUPPE_250-2In dieser Sitzung erfährt Anna viel über die Entwicklungsaufgaben und typischen Bedürfnisse von Kindern im Grundschulalter, zu denen auch ihre Tochter Maya gehört.

Sie erkennt, dass es wenig sinnvoll ist, ihr Dasein als „Alltagsmama“ mit den teils spektakulären Wochenenden beim „Sonntagspapa“ zu vergleichen, und dass Langeweile Kinder stark macht.

Schließlich gewinnt sie den Eindruck, dass man schon ganz genau hinschauen sollte, wenn Trennungs-Eltern ihre Kinder in diesem Alter mathematisch gerecht unter sich aufteilen wollen.

 

Maya oder das Grundschulalter
"Diese lebenskluge und erfahrene Erzieherin hatte vor Jahren eine knapp einen Meter große Stoffpuppe nach dem Vorbild der Waldorfpuppen genäht. Diese Puppe fristete nackt in ihrem von den Jahren schon speckigen, ehemals hautfarbenen Trikotstoff ihr Dasein im düsteren Toberaum. Dort saß sie mit hängenden Gliedmaßen und einem an Trostlosigkeit und Ödnis kaum mehr zu übertreffenden Gesichtsausdruck auf abgewetzten Matratzen, wo sie während der Schulzeit kaum beachtet wurde. Ihre große Stunde schlug während der Ferienzeiten. Getauft hatte die Erzieherin sie auf den Namen „Langeweile-Ingo“. Kamen nun Kinder mit der Klage zu ihr, dass ihnen sooo langweilig sei, dann pflegte sie ihnen völlig ungerührt zu antworten: „Na, dann setz dich doch zum Langeweile-Ingo, dem geht´s genauso!“ Wenige Minuten später bot sich dem Betrachter dann für gewöhnlich ein wahrhaft trostloses Bild trauter Zweisamkeit des gelangweilten Kindes mit dieser Puppe. Mal lehnten Puppe und Kind mit ähnlichem Gesichtsausdruck aneinander, mal knibbelte das Kind an einer Puppenhand, während beide in Langeweile vereint stumpf vor sich hinblickten. Doch dieser Zustand dauerte niemals lange an. Immer war der Langeweile-Ingo nach einem solchen Stell-Dich-Ein schon nach kurzer Zeit wieder allein und achtlos in eine Ecke geworfen, während sein ehemaliger Leidensgenosse sich - wie ausgewechselt - tatendurstig mit Materialien für einen kühnen Plan versorgte oder vergnügt mit einer Horde Kinder irgendwo auf dem Gelände des Horts verschwand. ..."