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„..Mich beschäftigt der Gedanke, dass wir keineswegs die einzige Familie sind, die im Zuge einer Trennung auseinanderbricht. Vielleicht könnte ich doch aufhören, mich zu schämen und wieder etwas aufrechter gehen. Nachdem ich diese Zahl im Kopf hatte, wonach es zwei von fünf Familien so ergeht, habe ich mich dabei ertappt, dass ich manchmal auf Spaziergängen die Einfamilienhäuser gezählt habe – immer bis fünf – und mir wurde klar, dass hinter diesen Fassaden mindestens eine, wahrscheinlich sogar zwei Familien Ähnliches erleben oder erlebt haben wie wir. …“

Elterntrennung – die gesellschaftliche Normalität eines individuellen Ausnahmezustandes

In dieser Sitzung begreift Anna erleichtert, dass sie mit ihrem Problem keineswegs zu einer gescheiterten Minderheit gehört, und der Leser erfährt einiges über ihre ersten Erkenntnisse aus unseren Gesprächen.

Inzwischen bin ich einige Male bei Frau S. gewesen, habe die Geborgenheit ihres altmodischen Riesensessels, ihre ruhige Aufmerksamkeit und ihr unaufdringliches Mitgefühl genossen. Ich stelle fest, dass ich mich auf die Sitzungen freue, und manchmal notiere ich mir sogar in der Zwischenzeit Gedanken und Fragen, die ich mit ihr besprechen will.

Frau S. weiß einiges darüber, wie Menschen ticken. Oftmals,  wenn ich mich von der Einzigartigkeit meines Schmerzes überwältigt fühle, überrascht sie mich mit einer schlichten Feststellung, dass der gar nicht so einzigartig sei, wie es mir zunächst erscheinen möge oder sie verblüfft mich mit psychologischen, soziologischen oder pädagogischen Informationen, die meinen Kummer erklärbar und verstehbar machen. So gewinne ich allmählich einen winzigkleinen Abstand zu meinen Problemen, die sich zur Schlaflosigkeit auswuchsen und mich zeitweise verzweifeln ließen.

Die erste dieser wirkungsvollen Informationen war äußerst schlicht. Sie lautete: „Du bist nicht allein!“ 

Ich hatte beim letztem Mal von meinem Gefühl erzählt, nun zu einer Randgruppe zu gehören, zur Minderheit derer, denen es nicht gelungen war, ihren Kindern auf Dauer die heile Familie zu bieten, die ich mir so sehr für meine beiden gewünscht hätte. Da forderte mich Frau S. auf, mir eine Reihenhaussiedlung vorzustellen, eine Reihenhaussiedlung in einem Neubaugebiet, relativ kurze Straßen, verkehrsberuhigt, die Namen beschwören eine maritime Atmosphäre. Es gibt da z.B. eine, die heißt, „zum Leuchtturm“ und einen „Seeweg“,  einen „Wattweg“ oder auch einen „Dünenblick“, Idylle pur also.

Sie erzählte mir, dass es diese Siedlung wirklich gebe und dass hier ursprünglich hauptsächlich sogenannte „junge Familien“, Familien mit kleinen Kindern, also überwiegend Babys, Kindergarten- und Grundschulkinder lebten. Eine Klientin war hierher gezogen. Genau wie alle anderen war auch sie zufällig in diese neue Nachbarschaft, in diesen neuen Lebensabschnitt hineingeworfen worden.

          *Es sah so aus, als hätten es alle außer mir geschafft*


„ Nach dem anfänglichen Bangen, was das wohl für Leute sein würden, die da mit uns gebaut hatten, kam die unendliche Erleichterung, dass es lauter junge Familien mit Kindern waren, also Leute wie wir. Dann richtete sich mein Blick auf das Alter der Kinder. Ich bin ja berufstätig und mein größter Wunsch war, dass es noch ein Kind in Janniks Alter geben möge, mit netten Eltern, mit denen wir uns dann mal bei der Betreuung  abwechseln könnten. Erst nachdem diese brennenden Fragen zu meiner großen Erleichterung und Zufriedenheit beantwortet waren, schlich sich heimlich, still und leise so etwas wie Neid in mein Denken. Damals ging ich nämlich noch davon aus, dass es all diese netten und heilen Familien um mich herum geschafft hatten – im Gegensatz zu mir: Ich dachte, dass bei allen anderen der Lebensentwurf im ersten Anlauf geklappt hätte. Tatsächlich war es so, dass dies von den zwölf Familien in unserer Reihe neun Familien gelungen war – bis zum Zeitpunkt unseres Einzuges. Wir wohnen inzwischen seit zehn Jahren hier, hatten natürlich auch selbst unsere Höhen und Tiefen, und von den neun Familien haben sich im Verlauf der Zeit zwei weitere Elternpaare getrennt. Eine Nachbarin ist an Krebs verstorben, so dass der Vater mit seinem Sohn, der bei unserem Einzug noch ein Baby war, inzwischen allein hier lebt.

Nach und nach stellte sich heraus, dass am Wochenende nicht nur bei uns, sondern auch bei anderen ein Auto vorfuhr und Kinder einstiegen, um Zeit mit ihrem anderen Elternteil zu verbringen. Der Neid und das blöde Gefühl, es als einzige nicht geschafft zu haben,  war also ziemlich unbegründet gewesen. Schon damals gab es zwei weitere Familien, die genau wie wir, auf einen guten Neubeginn in einer Patchworkfamilie hofften. Und wie gesagt, im Lauf der Zeit sind sogar noch einige hinzugekommen, deren Lebensplan ebenfalls nicht aufgegangen ist. Inzwischen stellen wir Patchworkfamilien und Alleinerziehende ungefähr die Hälfte aller Nachbarn. 

Die Geschichte dieser Mutter  hat mich nachhaltig beeindruckt. Ich hatte mich in den letzten Wochen vor meiner Begegnung mit Frau S. so richtig in meine Einsamkeit hineingesteigert und mein schreckliches Geheimnis, so gut es ging, gehütet. Zusammentreffen mit Freunden oder Menschen, die mir Fragen stellen könnten, bin ich nach Kräften ausgewichen. Nur manchmal abends, wenn die Kinder schliefen und ich mal wieder schlaflos war, habe ich meine Freundin Betty angerufen, die sich geduldig meinen Kummer anhörte, aber auch nicht so richtig viel dazu sagen konnte.

Mich beschäftigt, seit ich die Geschichte dieser Mutter gehört habe, der Gedanke, dass wir keineswegs die einzige Familie sind, die im Zuge einer Trennung auseinanderbricht. Vielleicht könnte ich doch aufhören, mich zu schämen und wieder etwas aufrechter gehen. Nachdem ich diese Zahl im Kopf hatte, nach der es zwei von fünf Familien so ergeht, habe ich mich dabei ertappt, dass ich manchmal auf Spaziergängen die Einfamilienhäuser gezählt habe, immer bis fünf, und ich war mir sicher, dass hinter diesen Fassaden mindestens eine, wahrscheinlich sogar zwei Familien Ähnliches erleben oder erlebt haben wie wir.

Ich habe mich in meiner Nachbarschaft umgesehen, und mir wurde klar, wie einseitig meine Wahrnehmung bislang gewesen war. Je schlechter es mir ging, um so mehr sah ich um mich herum ausschließlich glückliche Familien. Mit dieser neuen Information jedoch fielen mir die Gerüchte wieder ein, die Erzählungen der Kinder, welcher Vater ihrer Mitschüler nun woanders wohnt. Ich wunderte mich darüber, von welchen Trennungen und Scheidungen in meiner nahen und ferneren Nachbarschaft, in meinem Bekanntenkreis ich wusste, ohne diesen Informationen jemals Bedeutung beigemessen zu haben.