RATLOS_250-2Anna gewinnt in dieser Sitzung entwicklungspsychologische Einsichten, die erklären, warum sich Kinder und selbst Jugendliche und junge Erwachsene noch diffus für die Trennung ihrer Eltern verantwortlich fühlen.

Sie erkennt die Notwendigkeit, dieser Tendenz eindeutig und einfühlsam entgegenzutreten.

Als sie dies im Zusammenleben mit ihren Kindern umsetzt, erlebt sie die Erleichterung, die dies für ihre Kinder bedeutet.

 
Warum sich Kinder schuldig fühlen, wenn sich die Eltern trennen
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Langsam gelingt es mir immer besser, meine Situation zu verstehen. Ich habe verstanden, dass eine Trennung immer eine Lebenskrise ist. Es ist also  ganz normal, wenn man zeitweise so durcheinander ist. Und eine Elterntrennung stellt noch mal eine Steigerung dar, weil während dieser ganzen Zeit die Angst um die Kinder und der Wunsch, trotzdem weiterhin als Eltern gut zu funktionieren wie ein Untertitel durch das Bild läuft.

Jakob macht Probleme im Kindergarten, Maya macht nachts manchmal wieder ins Bett. Ich werte das so, dass die beiden auch ordentlich an der Situation zu knabbern haben.

Markus hat ihnen offenbar während meiner Totenstarre glaubhaft versichern können, dass er weiterhin als ihr Vater für sie da sei.

Sie kennen Katrin, und sie haben ein Kinderzimmer in dem neuen Haus. Und sie haben viele Freunde, deren Eltern sich ebenfalls getrennt haben.

Für mich hat die Trennung eine große emotionale Lücke und das Gefühl des Scheiterns hinterlassen, aber was bedeutet unsere Trennung denn nun für Maya und Jakob genau?

Der erste Impuls von Kindern ist immer, sich grundsätzlich schuldig zu fühlen, wenn sich ihre Eltern trennen. Dies beschreibt auch das folgende Beispiel eines Vaters, dessen Eltern sich trennten  als er 19 Jahre alt war:

*Vielleicht hätte ich es irgendwie verhindern können…*


„Ich weiß noch genau, wie es war, als meine Mutter mich anrief, um mir ganz traurig mitzuteilen, dass sie und mein Vater sich getrennt hätten. Ich war erst einige Monate zuvor zu Hause ausgezogen, um in  Berlin mein Studium aufzunehmen. Ich bin der jüngste von vier Geschwistern. Es war damals völlig normal für mich, dass auch ich nach dem Abitur irgendwann ausziehen würde. Ich war gerade 19 geworden. Ich hörte die Stimme meiner Mutter, ich verstand, was sie sagte und dennoch konnte ich nicht begreifen, was sie da sagte: Meine Eltern doch nicht! Ich weiß nicht warum, aber ich habe mich plötzlich so schlecht gefühlt. Ich habe fieberhaft überlegt, ob ich nicht hätte merken müssen, dass da bei den beiden etwas nicht stimmt. Wer denn sonst, wenn nicht ich? Vielleicht hätte ich es irgendwie verhindern können, dass es soweit kommt. Ich hätte Probleme bemerken, ansprechen, was weiß ich machen können, aber ich hab´s nicht hingekriegt – verpasst.“

Es mag überraschen, dass ein erwachsener junger Mann derart schuldbewusst auf die Trennung seiner Eltern reagiert, und doch ist es so, dass er ausspricht, was viele Trennungskinder empfinden.

Der psychische Mechanismus, der diesem Phänomen zugrunde liegt, funktioniert so ähnlich, wie man es aus der Arbeit mit Kindern aus Suchtfamilien kennt. Diese Kinder machen die Erfahrung, dass ihre Eltern durch ihre Krankheit sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Sie sind unberechenbar und emotional so wenig verfügbar, dass Kinder die Verantwortung dafür bei sich suchen. Sie sind davon überzeugt, dass sie durch ihr eigenes Verhalten, wenn sie sich nur genug anstrengen, wenn sie brav und wachsam sind, verhindern könnten, dass Vater oder Mutter sich betrinken. Ausfälle der Eltern erklären sie sich dementsprechend mit ihrem eigenen Versagen. Sie können sich das Verhalten ihrer Eltern nicht anders erklären, als es auf sich zu beziehen. In ihrer Verzweiflung suchen sie die Schuld bei sich selbst, denn damit hätten sie endlich eine Möglichkeit, die belastende und unberechenbare Situation zu kontrollieren. Sie sind überzeugt davon, dass sie die  Situation und das Verhalten ihrer Eltern in ihrem Sinne beeinflussen können, wenn sie sich nur genug Mühe geben. Die Überlegung hinter diesem Ansatz lautet: „Wenn ich weiß, was ich dazu beigetragen habe, dass Papa/Mama wieder trinkt, dann muss ich in Zukunft nur darauf achten, diese Verhaltensweisen zu vermeiden und dann wird alles gut.“

Das zwangsläufige Scheitern dieser kindlichen Bemühungen führt schließlich dazu, dass die betroffenen Kinder sich als machtlos und wertlos empfinden. Sie glauben, dass ihre Eltern trinken, weil sie, die Kinder,  so störend, schlecht und wenig liebenswert seien. Und dieses Selbstbild wird um so tiefer verankert, je jünger die Kinder sind.

Dieser psychische Mechanismus bewirkt, dass Kinder die Schuld bei sich suchen, wenn sich ihre Eltern häufig und heftig streiten, wenn sie traurig, aggressiv oder mit ihrer Aufmerksamkeit häufig nicht bei ihren Kindern sind. Je jünger ein Kind ist, desto größer ist die Gefahr, dass dies geschieht. Wenn es denkt, die Eltern stritten sich seinetwegen und dann einer von beiden auch noch auszieht, dann kann es das schlimmstenfalls als ein Indiz dafür werten, dass dieser es schließlich mit dem bösen Kind nicht mehr ausgehalten habe.

Mir fällt dazu eine Fernseh-Reportage über eine Familie ein, die nach Frankreich ausgewandert ist. Diese Sendung hat mich sehr beeindruckt, weil sich das vorgestellte Ehepaar mit zwei Töchtern von 12 und 14 Jahren trennte, nachdem es die schwierige Anfangszeit im fremden Land erfolgreich gemeistert hatte und es ihm eigentlich hätte gut gehen können. Ich erinnere mich gut an ein kurzes Interview mit dem jüngeren Mädchen, das den folgenden Wortlaut hatte:

TV-Team: „Wie war denn das letzte Jahr für dich?“

Mädchen: „Ja: ich sag nur „Streit.“ “ „Manchmal haben sie gewartet, bis ich aus dem Haus bin. Ich sag nur: „manchmal“

TV-Team:  „Hattest du dir das gedacht?“

Mädchen: „Dass die sich trennen? Na,ja, wo sie mit dem Streit angefangen haben, da fand ich das noch…naja, jeder streitet sich mal ein bisschen. Aber wo´s dann jeden Tag war, da habe ich mir gedacht, bald werden sie sich trennen.“

TV-Team: „Und dann haben sie es gesagt.“

Mädchen: nickt

TV-Team: „Und was hast du dir dann gedacht?“

Mädchen: „Hätt ich das bloß nicht gedacht!“

(Eva Müller u. Julia Friedrichs: Paris statt Hartz IV. ca. 18. Minute, Einsfestival, Sendetermin: Mi 24.06.2015, 11.30 – 12.00 Uhr)

Mich hat diese Szene sehr berührt, weil sie ein treffendes Beispiel für das den kindlichen Schulgefühlen zugrunde liegende psychische Phänomen ist. Es ist bezeichnend, dass das 12jährige Mädchen glaubt, es habe allein durch seine Gedanken und seine Befürchtung, die Eltern könnten sich trennen, die Trennung bewirkt.

In der Entwicklungspsychologie wird das Denken kleiner Kinder auch als „magisches Denken“ bezeichnet. Das bedeutet, dass Kinder glauben, durch die Kraft ihrer Gedanken die Realität beeinflussen zu können.

Aufgrund ihrer rasanten Entwicklungsfortschritte in den ersten Lebensjahren fühlen sie sich manchmal geradezu allmächtig und sind dann wie berauscht von ihren neuen Fähigkeiten, so wie die  fünfjährige Lotta in dem Bilderbuch von Astrid Lindgren (Astrid Lindgren: Lotta kann fast alles. Hamburg 1977, S. 1), die begeistert ausruft: „Mit mir ist es so komisch, ich KANN so viel!“ Noch Vorschulkinder leiten aus diesen für sie großartigen Erfolgen die – wenn auch zunehmend zaghafter werdende - Überzeugung ab, dass sie allein durch ihren intensiven Wunsch Ereignisse herbeiführen oder verhindern könnten.  Jeder hat vielleicht schon einmal Kinder an einer roten Ampel dabei beobachtet, wie sie diese durch verbale Kommandos, oft unterstrichen durch energische Gesten, bezwingen wollen, auf grün umzuschlagen. Gelingt dies zeitgleich, so triumphieren sie und sehen darin stolz einen Beweis dafür, dass sie tatsächlich über magische Kräfte verfügen.

...Die wichtigste Botschaft an ein Kind, dessen Eltern sich trennen, lautet daher immer: „Du hast keine Schuld! Du kannst nichts dafür! Es hat nichts mit dir zu tun, dass wir uns trennen! Wir bleiben beide deine Eltern und wir haben dich beide lieb!“

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Nachdem, was ich nun über den kindlichen Impuls weiß, sich an der Trennung von Eltern schuldig zu fühlen, vermute ich, dass dies auch bei Maya der Fall war, als sie im zeitlichen Zusammenhang mit Markus Auszug nachts wieder ins Bett gemacht hat. Es erscheint mir jetzt plausibel, dass sie sich, einer typisch kindlichen Überzeugung folgend an unserer Trennung irgendwie schuldig gefühlt hat, und das hat sie dann vermutlich psychisch so unter Druck gesetzt, dass sie wieder einnässte.

Dieser Zusammenhang scheint auch mir sehr plausibel zu sein, denn Kinder reagieren auf Ereignisse, die sie überfordern, häufig so, dass sie in ihrem Verhalten auf eine zurückliegende Entwicklungsstufe zurückfallen. Nichts anderes geschieht z.B., wenn ein Kind nach der Geburt eines Geschwisterkindes wieder aus der Flasche trinken will.

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Nach diesem mich wirklich nachdenklich machenden Ausflug in die Entwicklungspsychologie habe ich einem spontanen Impuls folgend, als ich die Kinder am Abend ins Bett brachte, bei jedem noch eine Weile kuschelnd  im Bett verbracht, und dann gesagt: „Du weißt schon, dass du nichts dafür kannst, dass der Papa ausgezogen ist, oder?“ Jakob antwortete schlaftrunken: „ Ja, das hat Papa auch schon gesagt…“. Maya hat gar nichts gesagt, doch am nächsten Morgen war ihr Bett zum ersten Mal seit einer Woche trocken.  Als ich Frau S. begeistert von meinem pädagogischen Erfolg berichtete, holte sie mich allerdings schnell von meinem stolzen Höhenflug zurück auf den Boden der Tatsachen. Sie sagte, dass es wohl nicht so einfach sei, kindliche Verhaltensänderungen immer auf genau eine Ursache zurückführen zu wollen. Sie glaubt, dass diese Erfahrung eher auf eine gute Beziehung zwischen Maya und mir hindeutet. Dann ist es mir also bereits in der Zeit vor meinem Trennungsschock und meinem inneren Trennungschaos gelungen zu sein scheint, neben unserem Besserwisser, Pingel und Hobby-Pädagogen Markus zu bestehen. Obwohl ich fast ein bisschen enttäuscht darüber bin, dass meine Worte nicht eindeutig die einzige  Ursache dafür waren, dass Maya mit dem nächtlichen Einnässen wieder aufhören konnte, versöhnt es mich, dass ich offenbar insgesamt doch eine gute Beziehung zu meinen Kindern habe, die so sicher ist, dass sie auch in dieser Krise trägt.

Ja, da musste ich Annas Stolz auf ihren pädagogischen Erfolg ein bisschen dämpfen, denn leider ist es weder in der Psychologie noch in der Pädagogik so, dass ein Ereignis immer eindeutig auf nur eine einzige Ursache zurückzuführen ist oder, im Umkehrschluss, dass ein bestimmtes Verhalten von Eltern zwangsläufig sofort und unmittelbar Probleme wie das Einnässen von Maya beheben. Es gibt für kindliche Verhaltensauffälligkeiten und für deren Heilung keine, wie es die Wissenschaft nennt, „monokausalen“ Erklärungen.

Annas Erfahrung mit Maya deutet darauf hin, dass ihre Beziehung grundsätzlich in Ordnung und von Vertrauen geprägt ist, das aber ausschließlich auf ihre Aussage zurückführen zu wollen, ist leider Spekulation.

Von ganz zentraler Bedeutung für eine gesunde Verarbeitung schwieriger Lebenssituationen ist die grundsätzliche Qualität der Eltern-Kind-Beziehung. Schon

in der Zeit vor der Trennung entsteht eine Atmosphäre, die mit darüber entscheidet, wie gut oder schlecht Kinder mit dieser Krise zurechtkommen und auch darüber, wie deutlich die Botschaft ankommt, wenn Eltern ihren Kindern versichern, dass sie an der Trennung keinerlei Verantwortung tragen.