1. Sitzung – Gestrandet

„…Kaum hatte ich bei diesem ersten Mal Platz genommen, treffender müsste es wohl heißen: Kaum war ich in dem bequemen Riesensessel, der  mich mit Geborgenheit geradezu verschwenderisch umfing, versunken, fühlte ich mich so sicher wie in Abrahams Schoß. Da brach zu meiner eigenen Verwunderung unter den mitfühlenden Augen dieser fremden Frau all das aus mir heraus, was sich seit Markus Fortgang in mir aufgestaut hatte. …“

***

Frau S. hat eine Vision. Sie will die Welt retten. Das trifft sich gut, denn meine zerspringt gerade in 1000 Stücke. 

Ich weiß nicht mehr, wann genau meine heile Familien-Welt den ersten Riss bekam, diesen fiesen, feinen Haarriss, von dem aus meine Katastrophe seinen Ausgang nahm. Waren es die einsamen Abende zuhause, wenn die Kinder im Bett waren? Oder waren es meine Erwartungen, die zu Hagelkörnchen gefroren, sobald sie Markus Aura erreichten? Hagelkörner, die sofort an ihm abprallten, um dann in meine Richtung zu beschleunigen und Wunden, fein wie Nadelstiche, in meine Seelenhaut zu reißen, sobald ich ihm nur etwas zu nahe kam? Oder waren es die stetig seltener werdenden Familienwochenenden, an denen ich diesen Riss  hätte bemerken müssen?

Der Schauplatz: ein wunderschönes Eigenheim am Stadtrand mit bodentiefen Fenstern und einem Blick über Felder und Pferdekoppeln. 
Ein Zuhause, das mir auch nach Jahren noch zuraunt, dass mein Glück unübertroffen und meine Unzufriedenheit Jammern auf höchstem Niveau sei.

Unsere Kinder sind Wunschkinder. Bis auch Jakob sich endlich zu uns gesellte, brauchten wir viel Geduld und die Kraft, Enttäuschungen auszuhalten. Eigentlich sollte der Altersabstand zwischen den beiden zwei Jahre betragen. Daraus sind schließlich fast vier geworden. Man kann also nicht sagen, dass wir zufällig zweifache Eltern geworden sind. Jakob ist im Sommer vier geworden, Maya hat im Januar ihren achten Geburtstag gefeiert.

Vor zwei Monaten habe ich von den beiden erfahren, dass ihr Papa ein neues Baby bekommt. Mit Katrin. Der Kollegin aus Papas Firma. 
Ich dachte, so etwas gäbe es nur in richtig schlechten Filmen.

Als ich diese unglaubliche Horrornachricht am Abend aufklären wollte, holte Markus tief Luft, faltete seine Hände im Schoß und antwortete mit einem Frosch im Hals: „Gut, dass du endlich mal bereit bist, zuzuhören. Gut, dass du das ansprichst, ich wollte auch gerade mit dir reden.“

Am nächsten Tag stellte sich heraus, dass die beiden bereits ein Haus gekauft hatten (Ich könne hier vorerst wohnen, es sei sicher nicht klug, die Kinder in dieser Situation auch noch aus der vertrauten Umgebung herauszureißen). Am Wochenende wolle er umzuziehen – im Wortlaut klang das so: „Ich komme am Wochenende noch einmal vorbei und hole ein paar Sachen…“.

Markus hatte an alles gedacht und vieles geregelt. Sogar den Kindern hatte er bereits kompetent, fürsorglich  und pädagogisch vorbildlich wie immer die Situation erklärt.

„Ihr – liebt – euch – halt – nicht – mehr -, aber – das – habt – ihr – trotzdem ganz – lange – ganz – doll – getan – und – deshalb – habt – ihr – ja – auch – uns!“ betete Jakob andächtig und mit ernster Mine offenbar den O-Ton seines Vaters nach, während er mich mit seinen kräftigen Kinderarmen schüttelte und „Stimmt doch, Mama, oder?“, fragte. „Klar stimmt das“, erklärte seine große Schwester, „früher, da haben wir doch ganz oft ganz normale Sachen gemacht, alle zusammen.“

Ihre Gesichter, ihre Stimmen, das Wohnzimmer um uns herum, auf dessen Gestaltung ich so viel Mühe verwandt hatte, all das drang kaum zu mir durch. Wie hinter einer Wand aus starkem Nebel waberten dumpfe Gedanken in meinem Hirn herum, um sich plötzlich schrill zu formieren und ganz laut zu brüllen: „Reiß Dich zusammen, Anna! Die Kinder können doch nichts dafür! Mach jetzt nur keinen Fehler!“

Während der nächsten Tage und Wochen, ja, ich glaube, es waren tatsächlich Wochen, habe ich wie betäubt meinen Alltagsparcours absolviert. Aufstehen,  die Kinder wecken, Frühstück machen, Maya  in die Schule schicken, auf dem Weg ins Büro Jakob im Kindergarten abliefern und um 15.00 Uhr dann das Ganze noch einmal andersherum. Um 18.00 Uhr Besuchskinder verabschieden oder die eigenen irgendwo einsammeln, Eile heucheln begleitet von dem inständigen Gebet, dass mich bitte, bitte niemand ansprechen möge. Erstaunlich, wie lange das gut gegangen ist. Ich klammerte mich an dieses Alltagsgerüst und brach wie tot auf meinem Bett zusammen, nachdem die letzte Geschichte vorgelesen und die Küche für den nächsten Morgen vorbereitet war.

Doch nach einem kurzen komatösen Schlaf wollte es mir immer weniger gelingen, wieder einzuschlafen. Ich entwickelte Schlafstörungen, die schließlich dazu führten, dass ich eines Nachmittags, als ich Jakob abholen wollte, in der Kita schlapp machte. Eine Freundin war zur Stelle, obwohl ich ihr wie allen anderen auch seit jenem Abend ausgewichen war. Ich erzählte ihr von meinen unerträglichen Schlafproblemen und sie empfahl mir –  Frau S., wie ich sie in meinen Gedanken nenne.

Ich bin bei ihr gestrandet, weil ich nicht schlafen konnte, nicht etwa wegen der besonderen Umstände meiner Trennung. Sie sollte mir helfen, sollte mir Techniken und Methoden zeigen, die mir den ersehnten und so notwendigen Schlaf zurückbringen sollten.

Ich war so erschöpft, dass ich mich kaum noch an unsere erste Begegnung erinnere. Rückblickend kommt es mir vor, als sei sie mir vom ersten Moment an so vertraut wie eine alte Freundin, die ich Jahre nicht gesehen hatte, und das, obwohl sie bestimmt fünfzehn Jahre älter ist als ich. Sie öffnete mir die Tür zu diesem eindrucksvollen Kaffeemühlenhaus und führte mich in ihren Behandlungsraum, so wie es sich von da an unzählige Male wiederholen sollte. Sie versprach, sie wolle versuchen, meinen Wunsch, endlich wieder schlafen zu können, zu erfüllen. Doch als ich mich in meiner bequemen Yoga-Kleidung gleich auf der Matte ausstrecken wollte, bat sie mich, vorher noch zu einer „Exploration“ wie sie es nannte, auf dem bequemen Ohrensessel ihr gegenüber Platz zu nehmen. Sie würde sich gern ein Bild machen von meinen Verspannungen, die sie dann im zweiten Teil unserer Sitzung auf der Matte praktisch behandeln wollte.

Kaum hatte ich bei diesem ersten Mal Platz genommen, treffender müsste es wohl heißen: Kaum war ich in dem bequemen Riesensessel, der  mich mit Geborgenheit geradezu verschwenderisch umfing, versunken, fühlte ich mich so sicher wie in Abrahams Schoß. Da brach zu meiner eigenen Verwunderung unter den mitfühlenden Augen dieser fremden Frau all das aus mir heraus, was sich seit Markus Fortgang in mir aufgestaut hatte. Ich heulte sprichwörtlich Rotz und Wasser, während Frau S. mir geduldig abwechselnd frische, weiche Papiertaschentücher und einen Papierkorb für die Berge von gebrauchten reichte.

So leergeweint konnte sich dann, als ich schließlich auf der Matte lag, ein beinahe sattes Gefühl warmer Erschöpfung in mir ausbreiten und die körperliche Anspannung der letzten Wochen verdrängen. Während ich ihren einfachen Anweisungen folgte, die ich mir einzuprägen versuchte, um sie am Abend vor dem Schlafengehen wiederholen zu können, bemerkte ich, wie eine leise Hoffnung in mir aufstieg, das Richtige getan zu haben, um den verlorenen Schlaf vielleicht schon bald wiederzufinden.

Wenn ich wollte, so bot mir Frau S. an, könne ich gern bis auf weiteres einmal wöchentlich zur selben Zeit wiederkommen. Die Behandlung einer anderen  Klientin sei gerade abgeschlossen, so dass dieser Termin nun frei sei.

An diesem Tag habe ich den ersten selbstgelenkten Schritt getan, nach meiner Vertreibung aus dem Paradies, den ersten Schritt, um, wenn auch zunächst noch unfreiwillig und widerstrebend, aufzubrechen zu einer Reise zu mir selbst. Es sollten noch viele Stunden folgen. Stunden, in denen ich Erklärungen bekam,  Zusammenhänge verstehen  und Geschichten hören sollte von Menschen, die Ähnliches erlebten wie ich oder dasselbe ganz anders.

Nach und nach wurde dieser ruhige Raum mit seiner hohen Decke und dem Blick auf einen wunderschönen, parkähnlichen Garten zu meiner Zuflucht, zu meinem sicheren Ort, wo ich für mich und meine Kinder langsam eine neue Perspektive entwickeln konnte, nachdem der Traum von meiner heilen Familie so jäh zerplatzt war.

Dieser Ablauf, erst die „Exploration“ und dann praktische Übungen, wiederholte sich bei etwa gleichbleibendem Verbrauch von Papiertaschentüchern noch einige Male.  Das autogene Training tat sein Übriges und zeigte nach den ersten Wochen zögernd seine schlaffördernde Wirkung, die erste positive Tendenz in meinem neuen Leben als alleinerziehende Mutter.

„Alleinerziehend“, noch so ein Wort wie „Trennung“ oder „Scheidungswaise“, die allesamt auf der Stelle bittere Übelkeit in mir auslösten. Dann fühlte ich mich klein und schäbig wie eine Bettlerin auf der Flucht. „Ich nicht! Und meine Kinder auch nicht!“, war mein stetiges, verbissenes Mantra, das ich diesem Fluch verzweifelt entgegenhielt.

Ich wollte um jeden Preis verhindern, dass Maya und Jakob unter dieser Situation und unter meiner Verwirrung leiden müssten. Für sie sollte sich möglichst wenig ändern. Sie sollten sich auf mich verlassen können, egal was mit mir war und wie es mir ging.

Aber all diesen Wünschen zum Trotz und als wenn alles nicht schon chaotisch und schlimm genug gewesen wäre, war Maya nun auch noch ein paar Mal ein Malheur passiert. Sie hatte nachts ins Bett gemacht und zu allem Überfluss hatten mich Jakobs Erzieherinnen zu einem Gespräch gebeten. Sie machten sich Sorgen, weil er in der letzten Zeit so reizbar und ständig in Raufereien verwickelt war.

All das brach aus mir heraus und nachdem endlich all die aufgestauten Tränen geweint waren, und der Tränenteich in meinem Innern sich allmählich leerte, entwickelte sich eine Art Frage-und Antwortspiel zwischen Frau S. und mir, das für unsere Gespräche typisch wurde. Sie befragte mich zu meinen Gefühlen und Stimmungen und ich fragte sie, warum das so sei und immer wieder, ob das normal sei, dass das bei mir so und nicht anders sei. Die Yoga-Matte kam dabei immer seltener zum Einsatz.

Erst später bemerkte ich, dass die alte Villa, in der ich Frau S. aufsuchte, eine Beratungsstelle beherbergte, bei der sie angestellt war und wo sie vor allem Eltern in Trennungssituationen in Erziehungsfragen beriet. Anfangs traf ich  Frau S. nach Feierabend , wo sie die Räume der Beratungsstelle gelegentlich für Einzelunterricht in Entspannungstechniken nutzte. Sie betrachtete es als Privileg, sich dann freiberuflich weniger ausgewählter Klienten annehmen zu können, um diese ganzheitlich und psychosomatisch explorierend“ zu behandeln. Sie suchte dann im Körper nach den Spuren seelischer Verletzungen, um diesen dann mit Entspannungsmethoden zu begegnen. Vor dem Hintergrund ihres Wissens und ihrer reichen Erfahrung erklärte sie mir von da an geduldig alle Warums, nach denen ich sie fragte, um mich dann im Gegenzug durch ihre Fragen immer wieder beharrlich zu mir selbst zurückzuführen.

Niemals hätte ich zum Zeitpunkt meines Zusammenbruchs freiwillig eine Psychotherapeutin oder eine Beratungsstelle aufgesucht. Das wäre mir als das endgültige Eingeständnis meines Versagens und meiner Unfähigkeit erschienen. Rückblickend kann ich nur kopfschüttelnd feststellen, dass ich es offenbar vorgezogen hätte, in meinem geräderten, desolaten Zustand womöglich vor ein Auto zu laufen oder sonst wie zu verunglücken. Ich hatte zwar keine Ahnung, was mich in einer Psychotherapie erwartet, dafür aber jede Menge zementierter Vorurteile. Mein stärkstes Argument war meine Empörung über die Unterstellung,  dass Alleinerziehende ihr Leben wohl allein nicht auf die Reihe kriegen nun wohl auch noch  psychisch entmündigt werden sollten, dicht gefolgt von der wütende Frage, ob nicht eigentlich alle Alleinerziehenden nicht per se schon mal in die Klapse gehörten. Das sollte reichen, um damit jeden noch so wohlmeinenden Rat, der in diese Richtung hätte weisen wollen, unangreifbar zu parieren.

So gesehen kann ich meinen Schlafstörungen nur dankbar sein, dass sie und glückliche Umstände mich geradewegs in diese Beratungsstelle geführt haben, und mir damit einen Raum eröffneten, in dem ich so viel über mich und meine Kinder lernen durfte

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