Was geht nur in dem Kind vor?

"Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht."

„Es beunruhigt mich! Wir haben uns unendlich viele Gedanken gemacht, wie wir es unserem 8jährigen Sohn sagen wollen. Schließlich haben wir uns darauf verständigt, dieses Gespräch am Sonntagnachmittag zuhause zu führen. Ich habe mit Tränen, mit Wut, mit allem gerechnet, aber nicht mit dieser unbeteiligten Ruhe. Jasper saß ruhig auf dem Sofa, an die Rückenlehne gestützt, die Schultern hochgezogen, die Füße von sich gestreckt. Er sah uns beinahe genervt an und sagte: „War´s das? Kann ich jetzt Fußballspielen gehen?“

Seine Mutter und ich, wir haben uns völlig verwirrt angesehen. Ich weiß nicht, wer von uns zuerst die Sprache wiedergefunden hat. Wir waren so geschockt von dieser völlig unerwarteten Reaktion, dass wir irgendwas wie „Ja, klar, sicher…!“ gestammelt haben.

Ich überlege fieberhaft, wie ich es anfangen soll, mit ihm darüber endlich in ein Gespräch zu kommen. Es kann doch nicht sein, dass so etwas Wichtiges passiert…ich meine, ich, sein Vater, ziehe aus…und das ist meinem Sohn keinen Kommentar wert?! Berührt ihn das denn gar nicht? Und wenn es ihn berührt: Es darf doch nicht sein, dass er seinen Kummer in seinem Herzen vergräbt! Das muss doch raus. Wir müssen das doch besprechen, ihm helfen, damit klarzukommen!“

„Gras wächst nicht schneller, wenn man daran zieht.“ Ein afrikanisches Sprichwort, das sich Eltern über den Spiegel hängen sollten!

Wenn wir seelische Prozesse beschleunigen, mit besten Absichten steuern wollen, dann reißen wir – um im Bild zu bleiben – möglicherweise die zarten Wurzeln aus. Kinder haben ihr eigenes Tempo, in dem sie Geschehnisse verarbeiten. Stimmt die Beziehung zu den Eltern, dann werden sie von sich aus fragen und Dinge ansprechen, sobald sie so weit sind.

Auch, wenn es aus Liebe und Sorge geschieht: Versucht bitte nicht, Euer Kind – etwa durch Rituale wie ein abendliches „Bilanzgespräch“ oder womöglich „Tagebücher für Trennungskinder“ mit vorgegebenen Kategorien wie „Hast du deinen Papa/deine Mama heute vermisst?“ zu Gesprächen oder Betrachtungen zu bewegen, zu denen es von sich aus (noch) gar nicht bereit ist.

Kinder folgen ihrem eigenen Tempo. Sie werden fragen, Dinge ansprechen, sobald sie so weit sind. Ganz bestimmt! Ihr Schweigen, ihre vermeintliche Gleichgültigkeit, sind erste, ganz eigene und von den Eltern unabhängige Äußerungen. Wenn es gelingt, diese zu respektieren, helfen Eltern ihren Kindern dabei, sich einen ganz persönlichen Raum für ihren Selbstausdruck zu erschaffen. Dies ist ein Meilenstein für den Aufbau einer gesunden, vertrauensvollen Beziehung, die gemeinsam durch die Trennung trägt.

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