Taka-Tuka-Land

"Rückblickend erging es mir so wie Pippi Langstrumpf mit ihrem Vater..."

Heute möchte ich ein psychisches Phänomen vorstellen, das mir im Laufe der Jahre immer dann begegnet ist, wenn sich ein Elternteil durch den Wechsel des Wohnorts dem Kontakt mit dem anderen zu entziehen versucht. 

Ich spreche davon, dass Kinder, die keinen Alltagskontakt zum abwesenden Elternteil haben, dazu neigen, diesen dann zu idealisieren. Zwar handelt es sich im Folgenden um ein sehr extremes Beispiel, doch macht es gerade deshalb sehr deutlich, wie so etwas entsteht. Besonders gut gedeiht eine Idealisierung, wenn der vollständige Kontaktabbruch mit einem Abbruch der Kommunikation mit dem Kind einhergeht:


Henry, erwachsenes Trennungskind: 
„Rückblickend erging es mir so wie Pippi Langstrumpf mit ihrem Vater, dem Herrscher über Taka-Tuka. Nachdem meine Eltern sich getrennt hatten als ich 6 Jahre alt war, ist meine Mutter mit mir 400 km weit, an ihren Heimatort, zurück gezogen.  Ich habe nur unscharfe Erinnerungen an die Zeit, als wir noch eine Familie waren. Ich glaube, mein Vater war beruflich viel unterwegs. Wohin wir zogen lebte meine Großmutter und die alleinstehende Schwester meiner Mutter, bei denen ich oft war, wenn meine Mutter keine Zeit hatte, oder arbeiten musste.

 Ich war ein eher zartes Kind und wurde oft von den Dorfjungen gepiesackt. Mein Alltag war dominiert von den drei Frauen um mich herum, und ich wünschte mir oft, mein Vater wäre hier, er würde mich beschützen und wir würden coole Sachen machen.

Meine Mutter war nicht gut auf ihn zu sprechen. Ich traute mich kaum, sie nach ihm zu fragen. Zwar gab sie mir Antwort und rückte auch bereitwillig Fotoalben heraus, aber richtig gern, das war deutlich zu spüren, sprach sie nicht von ihm.

Ein Foto zeigte ihn in Sportklamotten und Fußballerpose, das sah ich mir immer wieder an. Eines Tages, als mich ein Mitschüler fragte, was denn mit meinem Vater wäre, sagte ich, er sei Profi-Fußballer in Amerika und müsse viel trainieren, aber er werde bald wieder zurück nach Deutschland kommen, um mit uns zusammenzuleben.

Merkwürdigerweise glaubten meine Mitschüler mir meine Geschichte, und ich stieg merklich in ihrer Achtung. Ich selbst wuchs währenddessen richtig in diese Geschichte hinein. Und das veränderte mich. Ich wurde selbstbewusster, fühlte mich beschützt und wusste, dass ich, sobald ich dazu in der Lage wäre, meinen Vater aufsuchen würde.

In meiner Vorstellung war es meine Mutter, die verhinderte, dass wir Kontakt miteinander hätten. Ich malte mir unser Wiedersehen aus. Er war zwar nicht König in Taka-Tuka, aber er besaß all das, was ich selbst so gern gehabt hätte und alles, was meiner Mutter fehlte. Je älter ich wurde, um so heftiger wurden die Auseinandersetzungen mit meiner Mutter. Immer, wenn ich sauer auf sie war, dann wuchs mein Vater neben ihr in meiner Vorstellung zu einem starken, verständnisvollen Supermann, neben dem sie nur abstinken konnte.

Ich stellte Nachforschungen an, um herauszufinden, wo er lebte, und schließlich hatte ich seine Telefonnummer, und wir  verabredeten uns. Bei unserem Wiedersehen schrumpfte der Supermann auf gute 1,70. Er war nervös, fahrig, rauchte wie ein Schlot und sagte, ohne sich nach mir zu erkundigen, dass er keinen Kontakt zu mir wünsche. Er habe sich eine neue Familie aufgebaut, ich müsse das verstehen, da sein kein Platz für mich.

Ich fiel ins Bodenlose, denn all das, was ich mir in den letzten Jahren ausgemalt hatte, was mir Halt gegeben hatte in meinem, wie ich fand, tristen Alltag, das fiel in sich zusammen, als hätte man einen Stein aus der Mauer gezogen.

Ein Zufall und glückliche Umstände führten mich zwei Jahre später in eine Therapie, wo ich dann drei Jahre lang aufarbeiten musste, was da mit mir und meinen Eltern schiefgelaufen war.“

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